FRANZISKA FIEKE (1988 - 2010)
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 hinab
Mittwoch, 14.Mai 2008 | 0 GEDANKEN
Schwarzbraunes Glück

Der Geruch der Bohne, so intensiv und so vernichtend. Welch Gedankenvielfalt allein durch die olfaktorische Aufnahme begünstigt in den Sinn kommt. So viele Erinnerungen, ein kleines..
„MÄDCHEN! Nimm deine Hände aus dem Bottich!“
Verängstigt schaute das Kind auf, die großen kastanienbraunen Augen, in denen sich gelegentlich helle, ockerfarbene Streifen entdecken ließen, zogen sich zusammen. Ein Moment der Stille, ein ewiger Moment, jeder kleinste Teil einer Sekunde setzte sich auf der samtigzarten Haut ab. Unsicher neigte sie den Kopf zur vermeidlichen Lärmquelle.
Denn es war nur ein lärmendes Geräusch, sie hieß ja auch nicht „Mädchen“, sondern Laura. Die Tonlage war bezeichnend, sie kannte sie. Eine Lähmung durchzog den Körper, während sie sich innerlich dem Fremden schon entzogen hatte, weit davon gelaufen war.
Für den Mann aber stand sie unberührt, regungslos mit leeren großen Augen. Es sind die leersten Augen, die dieser erwachsene Mensch jemals zu sehen vermochte, berührt aber war er nicht.
In einer mannigfaltigen, nicht minder intensiven Stimmlage setzte er mit gekniffenen Augen fort:
„Sag mal bist du taub? Blöd? Du sollst deine Finger da raus nehmen!“
Laura empfand noch etwas anderes, neues in dieser Stimmlage. Ein leichter Anschein von Gehetztem, oder Drängendem? So sicher war sie sich ihrer Wahrnehmung nicht, wohl aber durchzog sie tiefes Mitgefühl. Er hatte etwas verloren in seiner Erscheinung, etwas Wertvolles, das liebste, was Laura an einem Menschen war, sie aber nur schwer fassen, geschweige denn in einen Gedanken bringen könnte.
Laura mochte den Geruch der Bohnen sehr gerne, die frühen Monate ihres Lebens waren geprägt von dieser Schwere, dieser Herbe, der Durchdringlichkeit. Des Bitteren.
Ungestüm drang der Mann auf sie zu, die Bewegung erfasste Laura sofort aus dem Augenwinkel und etwas veranlasste sie nun auch ihrem Inneren zu folgen. Sie erhaschte noch einmal eine Fahne, sog sie wie eine kraftvolle Essenz auf, lebte für den Moment die Intensivität der Lebendigkeit und ließ wie in glücklicher Ekstase dem Drang ihrer Seele nach.
Noch bevor der Bohnenverkäufer in seiner kleinen, hölzernen Verkaufsstube, in der sich aneinander die zumeist mit braun-schwarzen Bohnen befüllten Behälter reihten, das kleine Mädchen erreichte, sank diese betreten, benommen zu Boden.
Einen kleinen Seufzer mag der Verkäufer noch gehört haben.

Sonntag, 04.Februar 2007 | 0 GEDANKEN
Sechsundzwanzig

Auf dem Steig, wartend.
Sie läuft die Fugen zwischen den Steinen ab, so wie sie vorgegeben sind. Kein Schritt zu weit nach rechts, kein Schritt zu weit nach vorne. Sie bleibt im Ideal. So wie sie ist, eine ideelle Vorstellung. Sie läuft weiter, traut sich nicht mal mehr den ganzen Fuß abzusetzen, nur mit den Zehenspitzen tippelt sie.
Ob sie merkt, dass ich sie beobachte?
Sie sieht aus wie ein kleines Mädchen, mit ihren leicht rosé schimmernden Wangen, ihren strahlenden Augen, den Haarsträhnen, welche ihr verspielt über das Gesicht huschen. Verspielt. Dabei ist sie bestimmt 24.
Ihre schmalen Augenbrauen, die schwarzen Haare, welche ihr helltöniges, reines Gesicht hervorstechen lassen. Ich vertiefe mich in diesen Menschen.
Ab und zu, wenn sie die Linien wieder zurück verfolgt, kann ich ihre ehrlichen dunklen Augen schärfer erkennen, sie starren mich geradezu an, für den Bruchteil einer Sekunde. Doch ist sie zu sehr damit beschäftigt, auf diesen schmalen Wegen zu bleiben.
Ich bin doch hier? Sieh mich an?! Vergiss die Regeln! Sei du selbst.

Und wieder kommt sie an mir vorbei, so elegant setzt sie einen Fuß vor den nächsten. Wie kann man dabei bloß dermaßen elegant wirken? Sie sieht elegant, gekonnt bescheuert aus. Doch sie hält mich gefangen, mit diesem Eindruck, den sie mir hinterlässt. Und wieder tippelt sie vorbei. Tippelt in meinem Leben an mir vorbei. Meine Augen verfolgen sie. Rollen leicht nach links, zur Mitte, nach rechts. Die Pupillen weiten sich, halten jede einzelne Bewegung fest. Schmerzen. Nicht einen Augenschlag will ich mehr verpassen von diesem Wesen.
Mit jedem Blick, mit jeder Bewegung, mit jedem Atemzug rollt mir eine Welle der Verzweiflung an. Hektische Bewegungen, aufgerissene Augen, doch stille Statur. Und sie tänzelt noch immer an ihren Linien entlang. Wunderschönes Mädchen, lass dich nicht bestimmen, so geh doch endlich deinen eigenen Weg.
Unbekümmert. Diesen Anblick will ich nicht mehr ertragen und laufe davon, weit weg. Doch keine Entfernung hebt Eindruck auf. So bin ich verfolgt von ihr in meinem Denken.

Am nächsten Morgen lese ich in der Zeitung, eine 26-jährige Frau sei am Bahnhof tödlich verunglückt.
War sie also doch schon sechsundzwanzig.

 hinauf  
@TommyPower man könnte meinen, würde man denken, würde man wollen, das sei so etwas wie eine berufung. doch so ist's einfach nur das ich.. 03/09/2010 >>
Momentgedanke
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